Young adult literature

 

Die Rezensionen zu diesen Büchern für junge Erwachsene sind auf der Internetplatform e-lisa erschienen. Die Romane sind für die (Klassen)Lektüre im Englischunterricht sehr gut geeignet; ich habe sie selbst im Unterricht mit meinen Schülern bereits "getestet".

 

 

 

Paul Many: My Life, Take Two (Walker; pp. 188)


Das ist eines der schönsten Jugendbücher, ist eine der berührendsten Vater-Sohn-Geschichten, die ich je gelesen habe. Es ist ein Buch über Erinnerungen und die Rolle, die sie spielen, wenn man als Jugendlicher dabei ist, seinen Platz im Leben zu finden.


Neals Vater ist vor sechs Jahren gestorben, nachdem er seinen Job als Verwalter des Harding-Herrenhauses über Nacht aufgeben musste. Neal, der sein Leben mit dem Wort "useless" zusammenfasst und der Meinung ist, nie etwas Rechtes zu Ende zu bringen, dreht als Schulprojekt einen Dokumentarfilm über den Vater. Darin kommt eine Szene vor, von der alle meinen, sie wäre unmöglich, von der Neal aber schwört, dass er sich tatsächlich an sie erinnern kann: Er und sein Vater sind auf der Flucht vor Hunden, sie springen von einer Klippe, um ihnen zu entkommen - und dabei öffnet der Vater ein Paar goldener Flügel und trägt Neal zum Himmel hinauf.


Neal nimmt einen Sommerjob bei einer Baufirma an. Dort trifft er Claire, die Tochter der Besitzerin des Harding-Hauses. Nach anfänglichen Schwierigkeiten finden Neal und Claire zueinander. Claire ist es auch, die dem Jungen hilft, den Film fertig zu drehen. Dabei kommen sie einem Geheimnis auf die Spur: dem Grund, weshalb Neals Vater damals den Verwalterposten kündigen musste. Und in den surrealen Gemälden von Claires Mutter entdeckt Neal, dass ihn seine Erinnerungen nicht getrogen haben. Die Wahrheit hinter der Szene mit den Flügeln lehrt ihn, seine Vergangenheit zu verstehen und auf diesem Verständnis einen ersten Schritt in die Zukunft zu wagen ...


Paul Many lässt Neal selbst diese Geschichte erzählen, sein Ton ist voll Witz, Selbstironie und menschlicher Wärme. Auf diese Weise kippen selbst die rührendsten Szenen nie in Selbstmitleid um. Neal ist einer, der es schwer im Leben hat; aber auch einer, der lernt, an seine Intuition, seine Gefühle und Träume zu glauben und dadurch den Mut und das Selbstbewusstsein gewinnt, sein verwirrendes Leben in den Griff zu bekommen. Durch Sequenzen aus dem Dokumentarfilm, die in Drehbuchform in den erzählenden Text integriert sind, fließt die Magie von Neals Vorstellungen in die Wirklichkeit des Buches ein; sie bekommt am Schluss ihren eigenen Stellenwert, den nun auch jene Figuren erkennen, die am Anfang noch die Zweifler waren.

 

 

Margaret Mahy: 24 Hours (McElderry; pp. 200)


Erfahrungen, die ein ganzes Leben definieren und ändern können, verdichtet in den im Titel genannten 24 Stunden: eine faszinierende Vorgabe, auf die sich die neuseeländische Autorin Margaret Mahy da eingelassen hat. In Zeitabschnitten, zwischen denen manchmal nur Minuten, dann wieder Stunden liegen, berichtet sie von dem 17-jährigen Ellis, dem wir zum ersten Mal an einem Freitag Abend begegnen. Nach langer Zeit ist er wieder einmal in der Stadt und darauf aus, Abenteuer zu erleben. In dieser Hinsicht wird er nicht enttäuscht. Er lernt Jackie kennen, der ihm wild und unberechenbar vorkommt und ihm deshalb imponiert. Er begleitet ihn zu einem heruntergekommenen Motel und gerät dort in eine Art Achterbahnfahrt durch Szenerien und Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität verunsichernde Brüche in sein bislang behütetes Leben reißen. "A bit - not mad, not bad - damaged", so kommen Ellis die Personen vor, mit denen er zusammentrifft. Da gibt es zwei Schwestern und einen Mann, der nach einer Affäre mit einem Fünfzehnjährigen seinen Job verloren hat, die Zukunft wird Ellis aus einer roten Glaskugel vorhergesagt, er trinkt so viel Alkohol, dass ihm einmal sogar ist, als würde die Zeit stehen bleiben, und lässt sich tätowieren. Dann wird ein Baby entführt und es ist kein anderer als Ellis, der das Kind rettet - just, indem er Shakespeare zitiert!


Diese Begebenheiten und das damit einhergehende Gefühlschaos, das ihren Protagonisten an- und vorantreibt, erzählt die Autorin durchaus spannend und mit viel Sympathie für ihr eigentümliches Figurenpersonal. Dann aber erinnert die Geschichte passagenweise doch zu sehr an die Dramaturgie von Seifenopern, um die Handlung wirklich glaubhaft erscheinen zu lassen. Im Ticken der Sekunden und Minuten, im buchstäblichen Wettlauf der Charaktere mit der Zeit, in der stetigen Abfolge von Ereignissen, die Ellis überraschen und verblüffen, bleiben leider jene Augenblicke der Ruhe, des Atemholens auf der Strecke, in denen wir einen Blick unter die Oberfläche der Figuren gewinnen und diese uns wirklich nahe gehen könnten. Bestenfalls deutet die Autorin an, auf welche Weise Ellis sich durch das Erlebte ändert, wie er beginnt, sich selbst zu erkennen und reift. Wirklich miterleben lässt sie es uns nicht; und das ist gerade bei einem solch ambitionierten Projekt doch schade.

 

 

Barbara Snow Gilbert: Paper Trail (Front Street; pp. 161)


Versteckt in einem hohlen Baumstamm, muss ein Junge dabei zusehen, wie seine Mutter kaltblütig ermordet wird. Sie sind auf der Flucht vor den "Soldaten Gottes", einer "patriotischen" Gruppe, die gerade herausgefunden hat, dass der Vater des Jungen ein Undercover-Agent des FBI ist. Davon hat der Junge nichts gewusst. Nun schlägt er sich durch die Wälder Oklahomas, ständig die Furcht entdeckt zu werden im Nacken. Sein Ziel ist der einzige sichere Treffpunkt, den ihm sein Vater genannt hat. Gleichzeitig ist er aber auch auf der Suche nach der verlorenen Zeit seiner Kindheit, nach seiner Familiengeschichte abseits der unzähligen Täuschungen und Geheimnisse, nach der Vergangenheit, nicht, wie er sie gesehen hat, sondern wie sie wirklich war.


Kurze Einschübe im Text zitieren Zeitungsberichte und Regierungsdokumente über militant-gewalttätige Bewegungen in den USA. Sie stellen zusätzliche Anregungen für Diskussionen in der Klasse dar, wirken aber fast ein wenig zu didaktisch und wären gar nicht notwendig gewesen. Denn der Autorin gelingt es, den Spannungsbogen, den sie bereits im ersten Absatz aufbaut, bis zum Schluss durchzuhalten. Sie legt in die äußere Handlung der Flucht des Jungen in Todesangst immer wieder Rückblenden, Erinnerungen an seine Kindheit, die den schmerzhaften Prozess seiner Identitätsfindung widerspiegeln. Dadurch hat sie einen vielschichtigen Text geschaffen, der einen erschreckenden Aspekt des Lebens im heutigen Amerika durchleuchtet.

 

 

Gary Paulsen: The Beet Fields - Memories of a Sixteenth Summer (Delacorte Press; pp. 166)


Es ist der Sommer, als er 16 wird, als "the boy" von zuhause ausreißt. Fort von seinen ständig betrunkenen Eltern, fort von seiner Mutter, die sich ihm im Bett nähert. Er stößt zu einer Truppe mexikanischer Wanderarbeiter, lernt Geld durch die Arbeit seiner Hände zu verdienen und fühlt sich fast wie ein reicher Mann. Doch er verliert all das Gesparte, als er einem korrupten Hilfssheriff in die Arme läuft. Auf der Flucht vor ihm erlebt er als Anhalter mit, wie ein Vogel, der in die Windschutzscheibe fliegt, einen Mann von einem Moment aus dem Leben reißt. Auf einem Rummel verliert er seine Unschuld mit einer Stripteasetänzerin. Schließlich tritt er der Armee bei ...

Wie schon in einer Reihe von Büchern zuvor, erinnert sich Gary Paulsen auch hier an die Zeit seiner Kindheit und Jugend. Sein "boy" ist ständig in Bewegung und hält es an keinem Ort lange aus. Fast scheint es, als würde er, der ewige Außenseiter, immer dann weglaufen (oder dazu durch äußere Umstände gezwungen werden), wenn er es gerade geschafft hätte, akzeptiert und von anderen Menschen angenommen zu werden. Das Buch besteht aus einer Abfolge von Brüchen im Leben des Jungen und jeder Bruch bringt ihn einen Schritt zu sich selbst, der Selbsterkenntnis näher. Es ist Paulsens Art, mit seiner ruhigen, direkten, glasklaren Sprache solch hochdramatische Ereignisse fast beiläufig, "wie nebenbei", zu erzählen. So entsteht diese enzigartige meditative Stimmung, aus der dann mitunter die Emotionen brechen, die den Jungen antreiben und nicht zur Ruhe kommen lassen: Hunger und Erschöpfung, Angst und Abscheu, Sehnsucht und Leidenschaft. Es ist ein beinharter Weg über eine Reihe von Initiationsprozessen hin zum Erwachsenwerden, den "boy" da beschreitet. Aber er bleibt nicht auf der Stelle stehen. Als wüsste er instinktiv, dass es irgendwo etwas geben muss, das es wert ist, darauf zuzugehen.

 

 

Eve Bunting: Blackwater (Joanna Cotler Books; pp. 146)


"The Blackwater River flows through our town. I´ve lived with that river for thirteen years, ever since I was born ... I always knew how terrible it could be, but I didn´t know how, one summer, it would change my life."


Es hätte für den 13-jährigen Brodie ein perfekter Sommer werden sollen. Doch dann kommt sein Cousin Alex zu Besuch, ein Junge aus der Großstadt, dem gegenüber sich Brodie beweisen zu müssen glaubt. Ein Stein kommt ins Rollen, eine Lawine folgt, bald kann Brodie den Verlauf der Ereignisse nicht mehr kontrollieren. Zwei Teenager ertrinken im wilden Blackwater Fluss und vielleicht ist Brodie sogar für ihren Tod verantwortlich. Aber die Umstände machen ihn zum Helden der Stadt. Eine Lüge gibt die andere, da tauchen Briefe eines unbekannten Zeugen auf. Ist Alex derjenige, der mitangesehen hat, was sich am Fluss tatsächlich zugetragen hat?


In ihrem Roman taucht Eve Bunting aus einer sonnendurchfluteten Sommerlandschaft unvermittelt in die eiskalten Abgründe des reißenden Flusses und gleichzeitig in Brodies Seele ein. Es geht um Trugbilder und Wahrheit, um moralische Standpunkte und wie schwer es sein kann, für die eigenen Taten einzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Brodie erzählt seine Geschichte selbst, seine Verwirrtheit und Zerrissenheit zwischen den Ansprüchen seiner Umgebung und der Wirklichkeit wirken unmittelbar und glaubhaft. Der Strudel, in den er wie durch Zufall gerät, ist ebenso nachvollziehbar wie der Ansatz einer Lösung, den die Autorin am Ende des Buches anbietet. Vielleicht hätte dieses Ende nicht so bald kommen müssen; ich hätte gern noch ein bisschen weiter über die Entwicklung der Geschichte gelesen. Aber es ist wohl sogar ein Kompliment, wenn man über ein Buch sagt, dass es einem zu kurz vorgekommen ist.

 

 

Michael Cadnum: The Book of the Lion (Viking; pp. 208)


Das ist ein spannender historischer Roman, den ich meinen Schülern gleichermaßen als Englisch- und Geschichtslehrer empfehle. Für Schüler, die an der Zeit der Kreuzzüge interessiert sind, lohnt sich ja immer der Griff nach Max Kruses "Morgenstern"-Trilogie oder auch Wolfgang Hohlbeins "Das Siegel". Sucht man englischsprachige Literatur zum Thema, bietet sich nun auch Michael Cadnums "The Book of the Lion" an.


Sehr anschaulich, zuweilen drastisch, führt der Autor dem Leser das tägliche Leben im 12. Jahrhundert vor Augen. Schon zu Beginn des Buches entkommt der junge Edmund nur knapp dem Schicksal seines Meisters Otto, der das Silber des Königs veruntreut hat und dem deshalb die Hand abgeschlagen wird. Edmund schließt sich einem Kreuzfahrer an. "Ablaze with curiosity" saugt er all die faszinierenden und erschreckenden Eindrücke dieser Reise von England und durch Europa ins Heilige Land und der darauffolgenden Belagerung in sich auf. Dabei geht mit Edmund eine Art Wandlung vor sich, er erlebt einen initiatorischen Reifungsprozess und lernt inmitten der Greuel des Krieges, dass es allein Qualitäten wie Güte und Mitmenschlichkeit sind, die Mut zum Überleben machen und dem Leben überhaupt Sinn geben.


Michael Cadnum hat genau recherchiert, das merkt man seinem Roman in jeder Phase der Geschichte an. Sie strotzt nur so vor interessanten historischen Details. So entsteht vor dem Auge des Lesers das facettenreiche Bild einer vergangenen Zeit mit all ihren Wundern und Schrecken; die komplexen sozialen, psychologischen und soziologischen Zusammenhänge der Thematik und ihres Umfeldes werden greifbar. Und dies in einem mitreißend-dramatischen Stil, der jugendliche und auch ältere Leser nicht kalt lässt.

 

 

Jacqueline Woodson: Miracle's Boys (Putnam; pp. 131)


Dämonen aus der Vergangenheit sind es, die den 13-jährigen Lafayette und seinen älteren Bruder Ty'ree heimsuchen. Lafayette fühlt sich für den Tod seiner Mutter verantwortlich, weil er es war, der sie zwei Jahre zuvor im Koma fand. Seitdem hat er sich in seine eigene innere Welt zurückgezogen. Doch auch dort findet er keinen Frieden, sondern wird ständig durch Erinnerungen gequält. Der 22-jährige Ty'ree versucht für seinen Bruder da zu sein. Aber gleichzeitig muss auch er sich seinen Dämonen stellen: Er erlebte mit, wie sein Vater ertrank, noch bevor Lafayette überhaupt geboren war. Allein das tägliche Zusammenleben mit seinen kleinen Routinen gibt den Brüdern Halt, gibt ihnen etwas, woran sie sich festhalten können, um nicht völlig in Trauer und Verzweiflung abzustürzen. Was ihnen die Aufarbeitung ihrer Probleme noch erschwert, ist die Rückkehr des dritten Bruders. Der 16-jährige Charlie war drei Jahre lang wegen bewaffneten Raubs inhaftiert. Er ist voller Hass und Ärger, voll Feindseligkeit und Aggressivität, hinter der er seine eigene Mutlosigkeit zu verbergen sucht.


Was hier wie eine Anhäufung an Hoffnungslosigkeit erscheinen mag, ist in Wahrheit eine ungemein berührende Erzählung über die Beziehungsmuster innerhalb der kleinen Familie, die die drei Brüder füreinander darstellen. Sie haben nur einander, das müssen sie sich in einem schmerzhaften Prozess eingestehen. Und miteinander lernen sie auch, sich aus dem Sumpf des Vergangenen zu ziehen und das Wagnis der Bewältigung der Gegenwart einzugehen. Jacqueline Woddson erzählt diese Geschichte über Initiationsprozesse schwarzer Jugendliche im heutigen New York hauptsächlich durch Dialoge und Lafayettes Gedanken; ihr Ton ist von leichter Melancholie und einem leisen Lächeln getragen, das dem Leser die Charaktere bald ans Herz wachsen lässt. Der Alptraum, ein Leben - so beginnt die Geschichte. Doch im Miteinander überwinden Lafayette und seine Brüder den Ansturm der Dämonen und wagen erste Schritte in eine bessere Zukunft.


 

Cynthia De Felice: Nowhere to Call Home(Morrow, William & Co.; pp. 200)


Die amerikanische Autorin Cynthia De Felice hat eine Heldin geschaffen, die dem Leser im Laufe der Lektüre wirklich ans Herz wächst und deren Schicksal berührt. Diese Heldin, die sich selbst aber keinesfalls als eine solche bezeichnen würde, heißt Frances, ist 12 Jahre alt und das privilegierte Leben eines reichen Kindes gewöhnt. Als der Vater im Börsenkrach von 1929 sein Vermögen verliert und Selbstmord begeht, sieht sich Frances als mittelloses Waisenkind auf einmal mit einer Realität konfrontiert, die sie sich so hart, ja grausam nie vorgestellt hätte. Frances will nicht zur Tante nach Chicago, sie nennt sich fortan Frankie und gibt sich als Bursch aus. Sie entscheidet sich für ein Leben als "hobo", als Landstreicher also, der sich in Güterzügen versteckt und dabei ständig die Polizei im Nacken hat. Dieses Leben ist in Frankies Vorstellung voller Romantik und Abenteuer. Doch nur allzu bald muss sie erkennen, dass die Wirklichkeit ganz anders ist. In Stewpot findet sie einen Freund, der ihr beibringt, sich in Bahnhöfen in die Waggons zu schleichen oder auf fahrende Züge aufzuspringen, ohne dabei entdeckt zu werden. Er lehrt sie die Sprache und Zeichen der Hobos. Doch die Freiheit fordert ihren Tribut - es ist ein ständiger Überlebenskampf, auf den sich Frankie da eingelassen hat ...


Über die Rockies und bis nach Seattle reist Frankie, bevor die Solidarität zu ihrem Freund sie dazu zwingt, die eigene Position zu überdenken und einen Ausweg aus dem Strudel aus Illegalität und Armut zu suchen. Cynthia De Felice ist ein faszinierendes Bild der USA zur Zeit der Großen Depression und der Codes und Rituale der Obdachlosen gelungen, das nicht zuletzt wegen der plastischen Zeichnung der Charaktere keine akademische Stilübung geworden ist, sondern unmittelbar und lebendig wirkt. Ich könnte mir das Buch auch gut als Einstieg und als historischen Background für die Behandlung des Themas der "homeless people" im heutigen Amerika im Unterricht vorstellen.


 

Jane Cutler: The Song of the Molimo (Farror, Straus and Giroux; pp. 180)


St. Louis, 1904. Eine Welt der Wunder, der Magie und des Staunens tut sich vor dem 12-jährigen Harry auf, als er die Weltausstellung besucht. Eigentlich ist Harry bloß an den schier grenzenlosen Vergnügungen interessiert, die sich ihm hier zu bieten scheinen. Doch es kommt ganz anders - eine Zeit der Bewährung steht ihm bevor. Seinem älteren Cousin Frederick, einem Anthropologen, wird die Verantwortung über fünf afrikanische Pygmäen übertragen, die, Ausstellungsstücken gleich, das Publikum anlocken sollen. Aus den vermeintlichen Freaks werden Menschen, je näher Harry die Pygmäen kennen lernt. Besonders mit Ota Benga, dessen im Titel genanntes Instrument so schreckliche wie auch wunderschöne Klänge zu erzeugen vermag, freundet er sich an. Harry lernt, sich eine eigene Meinung über die angebliche Überlegenheit der weißen Rasse zu bilden, indem er Gehörtes in Frage stellt und stattdessen den eigenen Eindrücken vertraut. Harry gewinnt Respekt vor dem Andersartigen und erkennt, dass Fair play etwas ist, das es mitunter auch mit drastischeren Maßnahmen zu verteidigen gilt. Gemeinsam mit Jessie, der ersten weiblichen Fotografin, beschließt er, Ota vor einem Leben als Schaustück zu retten ...


Die amerikanische Autorin Jane Cutler versteht es, Harrys Abenteuer in ihrem historischen Kontext zu veranschaulichen, wobei die Ereignisse stets durch Harrys Augen gesehen werden; dadurch schafft die Autorin einen Erzählton von großer Unmittelbarkeit und Authentizität. Zügige Handlungsführung, klarer Stil, viel Humor und eine Prise Slapstick, ein bunter Reigen an - zum Teil historischen - Charakteren, ein junger Held "caught in wonders" - echtes Lesevergnügen!


Alle Texte: (c) Peter Schnaubelt (2001)