Der Träumer

 

Gedanken zu Ray Bradburys Roman From the Dust Returned

 

Ein Mann träumt. Er träumt von seltsamen Wesen, die durch die Lüfte streifen, von Vampiren und Hexen und einen Mann mit weiten Schwingen. Von einem Zug, der in eine kleine Stadt im Mittelwesten kommt und einen Karneval des Bösen mit sich bringt, von einem Karussell, auf dem sich die Lebenszeit rückwärts bewegt. Er träumt von Jungen, die über Nacht erwachsen werden, vom Flackern der Kerzen in Halloweenkürbissen, von Raketen auf dem Weg zum Mars und einem Mann, dessen Tätowierungen lebendig werden.


Die Geschichten dieses Träumers, des amerikanischen Schriftstellers Ray Bradbury, haben eine einzigartige Qualität: Sie haben uns immer wieder zu Jungen gemacht, die mit leuchtenden Augen und roten Wangen durch geheimnisvolle Sommernächte streifen, denen der Wind durchs Haar fährt wie Geisterfinger, die über ein abgemähtes Feld laufen, dabei die Arme ausstrecken und sich frei wie Vögel fühlen. Zu Jungen, die die Welt um sich herum mit allen Sinnen erleben, so intensiv wie später nie wieder - in dem Bewusstsein, dass schlichtweg alles möglich ist, dass sich sämtliche Schrecken und Wunder dieser Welt auch tatsächlich zutragen könnten.


Und dann gibt es auch ein Mädchen, das träumt. Sie heißt Cecy und liegt auf einem stillen Dachboden auf einem Bett aus ägyptischem Sand. Sie träumt von fremden Welten und noch fremderen Lebewesen und von einer schier unglaublichen Familienfeier. A Thousand Times Great Grandmère findet sich da ein und Großvater, in dessen Kopf die Wildheit der Jugend lebt; Mutter, die niemals schläft, und Vater, der nur des Nachts wach ist. Da sind Onkel Einar, der Geflügelte, und andere Onkeln und Tanten, Nichten und Neffen, Cousinen und Cousins, allesamt so seltsam, dass sie sich unter Tags in den Kellern des riesigen viktorianischen Hauses verbergen müssen. Unter ihnen ist Timothy, das Findelkind, das ganz anders ist als der Rest der Familie und sich doch nichts sehnlicher wünscht, als so zu sein wie sie. Er beobachtet Cecy beim Träumen: wenn sie in Gedanken um die Welt reist und sich im Kopf einer jungen Frau versteckt, um sich zu verlieben, in dem eines jungen Mannes, um die Liebe zu sehen, in Fischen, um die Kühle eines Baches im Sommer zu genießen, und in Vögeln, um sich in die Lüfte zu erheben.


Selbst in einem Alterswerk wie From the Dust Returned ist Ray Bradburys Vorstellungskraft so frisch, so kraftvoll und unmittelbar wie die der Jungen, die er in den Mittelpunkt vieler seiner Texte (etwa Something Wicked This Way Comes oder Dandelion Wine) gestellt hat. Das sind Jungen, denen es den Atem verschlägt ob der unendlichen Möglichkeiten unserer Welt und jener, die eigentlich nur in der Fantasie existiert und doch ab und zu Wirklichkeit wird. Timothy ist solch ein Junge. Durch seine Augen erlebt und beschreibt Bradbury diese Geschichte . Seit Beginn seiner schriftstellerischen Karriere widmete sich Bradbury immer wieder der Familie, deren Mitglieder schon immer lebten und ewig leben werden - wenn sie nicht besiegt werden durch den Realismus unserer Zeit, durch das wachsende Unvermögen der Menschen, an das Magische zu glauben. 1945 erschien die erste Kurzgeschichte über Cecy, Onkel Einar und die anderen, bis 1988 waren es fünf. Nun hat Bradbury diese Erzählungen zum Zentrum einer Art von Roman gemacht, hat sie mit weiteren Geschichten und einem roten Handlungsfaden zu einem Triumph der Fantasie verwoben. Das große, düstere Haus ist bevölkert von einem Arsenal aus liebenswert-skurrilen, aber auch bedrohlichen Typen. Timothy, der Junge mit der Spinne im Ohr und der Maus in der Tasche, ist als einziger von ihnen sterblich und steht vor der Frage, ob es nicht gerade der Tod ist, der das Leben erst wirklich lebenswert macht. Er und mit ihm der Leser erleben das Familientreffen wie einen Sturm aus Bildern, Tönen und Gerüchen, aus Unverständlichem und Faszinierendem und dem verheißungsvollem Flüstern aus dunklen Ecken. Es ist die Musik von Bradburys einzigartiger Sprache, die ihre Sätze in einer ganz eigenen Herbstmelodie aufwallen lässt wie den Rauch von Halloweenkerzen, es ist eine Prosa, die eigentlich Lyrik ist, die der Autor in diesem Meisterwerk zur Vollendung gebracht hat.


Erst drei Jahre nach Roald Dahls Tod kam 1993 das Buch My Year heraus, eine Art Spaziergang durch ein ganzes Jahr, eine Erinnerung an das Staunen der Kindheit und die unvermeidlichen Veränderungen, die das Leben mit sich bringt. Aber Dahl hat keine simple Nacherzählung von Erlebtem und Erdachtem aufgeschrieben, wie alte Männer das oft tun. Sein Blick ist stets der durch Bubenaugen und bei der Lektüre hat man den Eindruck des unmittelbaren Erlebens. Außer ihm kenne ich in der Literatur nur Ray Bradbury, der diese Gabe hat. Für die erste Fassung von Fahrenheit 451 habe er nur neun Tage gebraucht, schreibt Bradbury im Nachwort, für From the Dust Returned nicht weniger als 55 Jahre. So ist das Buch auch in diesem Sinne die Kulmination seines Lebenswerks geworden.

 

(c) Peter Schnaubelt (November 2001)