Ein Haus mit vielen Räumen

 

Die literarische Welt des amerikanischen Romanciers John Irving

 

"Es gibt nichts Komplizierteres als die Liebe."

(Das Hotel New Hampshire)

 

Da gibt es einen kleinen Jungen, Garp, der beinahe vom Dach des Krankenquartiers der Schule fällt. Seine Mutter hält ihn fest und weil er ihr vertraut, passiert ihm nichts. Als dieser Garp schließlich selbst erwachsen ist und eigene Kinder hat, lebt er in der ständigen Sorge, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Er stellt sich vor, wie ein verrückt gewordener Teenager oder ein betrunkener Mann mit einem Herzanfall seinen Sohn Duncan überfährt und seine "schöne, warme Brust gegen den Bordstein knallt" und sein "besonderer Schädel aufplatzt." Deshalb läuft Garp, der Schriftsteller, Ringer, Koch, Ehemann und Vater, jedem Auto nach, das zu schnell durch die Wohngegend fährt, und stellt die Fahrer zur Rede. Und am Abend steht er in der Tür des Kinderzimmers und beobachtet seine Kinder beim Schlafen.


Da ist Homer Wells, der lebenslängliche Bewohner eines Waisenhauses, der mit seinem Sohn Angel auf dem Dach eines Presshauses sitzt und ihn am liebsten ganz fest an sich drücken und nie wieder auslassen würde. Doch weil er sich selbst kennt und weiß, dass zuviel Liebe nur den Drang hervorruft auszubrechen und davonzulaufen, lässt er Angel seinen Weg gehen und das Leben erkunden.


Und da gibt es auch einen jungen Vater, der "die dunkelsten, strahlendsten Augen" hat, von denen seine Kinder immer das Gefühl haben, "dass er einen gerade angesehen hatte - aber man konnte ihn nie dabei ertappen." Ein Gefühl, das sie auch dann nicht verlieren, als die Mutter tot ist und der Vater blind und die Familie enger zusammenhalten muss als je zuvor. Denn: "Wir sind alle auf einer großen Kreuzfahrt, rund um die Welt! ... Wir laufen Gefahr, fortgespült zu werden, jederzeit."


Das Grundmotiv in den Romanen des amerikanischen Schriftstellers John Irving ist die Familie, in den unterschiedlichsten Ausprägungen zwar, jedoch immer als Ort, der den Mitgliedern eine sichere Zufluchtsstätte bietet. "Ein Schriftsteller kann nur etwas von Wert schaffen, wenn er sich sorgt", hat Irving einmal in einem Interview gesagt. Seine Figuren erleben komische und traurige Situationen und kämpfen gegen alle nur erdenklichen Wirrungen an, die das Leben und das Schicksal für sie bereithalten. Und sie machen sich Sorgen, umeinander und um den Lauf der Welt.


"Die Hauptsache in eurem Leben wird eure Familie sein", erklärt die Mutter in Das Hotel New Hampshire ihren Kindern und bereitet sie so auf die Zukunft vor. Denn es heißt, gewappnet zu sein gegen eine Brutalität, die in aller Heimtücke und Überraschung immer gerade dann über die Familie hereinbricht, wenn sich diese am glücklichsten wähnt. Dass der kleine Egg immer die Kleider unter seinem Schlafanzug anbehält, um vorbereitet zu sein, hilft ihm freilich letztlich bei dem Flugzeugabsturz über dem Atlantik auch nichts.


Was Albert Camus "das Bündnis der Lebenden gegen den Tod" nennt - die Mitglieder von Irvings literarischen Familien lernen es schon von klein auf. "Die Hinfälligkeit oder das Zuwachsen zum Tod sollte etwas sein, was die Menschen zutiefst inspiriert, jetzt und hier zu einem Zusammenhalt und erträglicheren Lebensformen untereinander zu finden", schreibt Camus. Die Herausforderung des Todes müsse durch ein Bewusstsein von Gemeinsamkeit beantwortet werden. In Das Hotel New Hampshire bekräftigt John, der Erzähler: "Nach meinem Vater und Iowa-Bob war der Lauf der Welt in seiner Beschissenheit gerade ein Ansporn dafür, sich im Leben ein Ziel zu setzen und voller Entschlossenheit gut zu leben."


"Sie weisen, was selten ist in den Romanen unserer Zeit, eine warme Zuneigung innerhalb der Familie auf, eine Liebe unter Brüdern und Schwestern, des Vaters zu seinen Kindern - eine Liebe, so warm und stolz, dass sie versucht, den Rest der Welt auszuschließen", schrieb Malcolm Cowley 1945 in seinem bedeutenden Essay über William Faulkner: Gedanken, die praktisch deckungsgleich auf John Irvings Texte übertragbar sind. Denn seine Geschichten sind voller Bilder für dieser Kampf einer Gruppe von Menschen gegen die Kälte der Umwelt, gegen Hartherzigkeit und Egoismus, die Engstirnigkeit der Fanatiker, aber auch für die eigene Unachtsamkeit dem anderen gegenüber, aus der oft die schlimmsten Gewalttätigkeiten resultieren: wenn für ein zuweilen geringfügiges Vergehen mit dem plötzlichen Verlust der Unschuld bezahlt werden muss. Letztendlich ist es Garp selbst, der jenen Unfall verursacht, der seinem Sohn das Leben kostet.


Als Stundenten Johns Schwester Franny auf dem Collegegelände vergewaltigen, beginnt der halbwüchsige John bei seinem Großvater ein Krafttraining mit Gewichten. Beim nächsten Mal, das hat er sich geschworen, wird er ihr helfen können. Das Leid als gemeinsames Band zwischen den Menschen lässt John und Franny enger zusammenrücken eben gegen dieses Leid. Ebenso kehrt Homer Wells in Gottes Werk und Teufels Beitrag ins Waisenhaus zurück, um Frauen so lange mit einer Abtreibung zu helfen, bis sie dies wegen verbesserter sozialer Umstände nicht mehr nötig haben. Und in gleicher Weise amputiert Owen Meany im gleichnamigen Roman den Finger seines Freundes - aus Liebe, um ihn vor einer Einberufung nach Vietnam zu bewahren.


In Faulkners Erzählung "Der Bär" heißt es: "Er redete von der Wahrheit. Die Wahrheit ist einzig. Sie ändert sich nicht. Sie bezieht sichauf alle Dinge, die das Herz angehen - Ehre und Stolz und Mitleid und Gerechtigkeit und Mut und Liebe." In eben dieser Weise sind John Irvings Arbeiten Erziehungsromane: Denn "wenn man Gewaltanwendung hasst und nichts von der Politik hält, ist das einzige wesentliche Heilmittel, das übrig bleibt, die Erziehung" (George Orwell). Irving hat so einige der lebendigsten Kinderdarstellungen der Literatur geschaffen. In diesen Charakteren und ihrer Beziehung zu ihren Eltern und zueinander verherrlicht er das menschliche Bemühen und die Ausdauer auf dem Weg zum Guten. Was diese Figuren auf zuweilen überaus schmerzliche Weise lernen müssen, ist, dass ihnen im Leben nur eines wirklich weiterhilft - Menschlichkeit.


"Ein Roman ist für mich wie ein sehr großes Haus mit vielen Zimmern. Ein reich bevölkertes Haus, ein Platz mit vielen Geschichten und vielen Charakteren", sagt John Irving. "In einem solchen Haus ist Leben spürbar. Und doch kommt ein Augenblick, wo alle Menschen gegangen sind, die Türen geschlossen, die Räume leer sind. Den Menschen, die dort eine Weile gelebt haben, bleibt nur schmerzliche Erinnerung."


Das Haus von Irvings eigenen Kindheit war das der Großmutter, wo drei Generationen zusammenkamen: "Als Kind schien es mir ein für die Ewigkeit gesicherter Ort." Es war eine schmerzliche Erfahrung, dass dieses Haus für die Familie nicht mehr zu halten war und schließlich verkauft werden musste. In seinen Romanen arbeitet Irving mit dem dualistischen Motiv der Ferne, aus der die Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause noch größer erscheint. Der Lauf des Lebens versucht immer wieder, seine Figuren aus den Häusern ihrer Kindheit zu reißen, und die Rückkehr gestaltet sich mitunter zu einem lebenslangen Kampf. Manch einer, wie etwa Dr. Daruwalla in Zirkuskind, bleibt dabei immer ein Suchender, ein Außenseiter in Kanada wie in Indien.


In Romanform hat Irving das Haus seiner Kindheit immer wieder neu erschaffen. Die alten Schulhäuser, in denen der kleine Garp aufwächst und John und sein Freund Owen Meany ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen; das erste und das zweite Hotel New Hampshire und die Pension Grillparzer in Wien; das leere Haus mit den Bildern ihrer tödlich verunglückten Brüder, das Ruth Cole ihr Leben lang begleitet; das riesige viktorianische Waisenhaus mit seinen weiten Hallen, langen Gängen, den großen Schlafsälen und der Kammer, in der sich Dr. Larch seinen Ätherträumen hingibt. In Irvings Romanen werden diese Häuser zu Metaphern für das Leben an sich; zusammen mit ihrem geografischen und sozial genau definierten Umfeld geraten sie zum Irving-Land, den Kleinstädten und Wäldern Neuenglands, vergleichbar mit Dickens' London, Marquez' Macondo und Faulkners Yoknapatawpha-County: zu Mikrokosmen, die gleichermaßen für sich selbst stehen wie für die große Welt und zu zentralen Bildern des menschlichen Zusammenlebens überhaupt.


Irvings Themen erzählen dabei von der Unentrinnbarkeit der Zeit, von essentiellen Erfahrungen wie Gewalt und Liebe, Tod und Leben, Einsamkeit und zärtliche Nähe, von den kleinen Sehnsüchten und den großen Schwächen: von der Menschlichkeit des Menschen eben. Dabei führt Irving jene Pfade fort, die Charles Dickens hundert Jahre zuvor bereitet hat: nicht nur, weil Homer Wells seinen Waisen jeden Abend aus David Copperfeld vorliest und die unglücklichen Schwangeren, die sich durch den Schnee von der Bahnstation den Hügel zum Waisenhaus hinaufkämpfen, wie gefallene Frauen aus dem viktorianischen London anmuten. Irving bedient sich zudem einer Dickes'schen Fülle an komischen und tragischen Charakteren, an witzigen und traurigen Geschichten, an Einzelheiten von Gedankengängen ebenso wie des täglichen Umgangs miteinander, an konkreten sozialen Darstellungen wie an märchenhafter Überhöhung. Was Henry James einst in seinem Aufsatz über Hawthorne schrieb: "... das elementar Geniale: Einbildungskraft" - auf John Irving trifft es zweifellos zu.


"Wenn Walt sich erkältet hatte, schlief Garp schlecht. Es war dann, als versuchte er, für den Jungen und für sich selbst zu atmen. Und nachts stand er auf, um den Jungen zu küssen und an sich zu drücken. Wer Garp sah, hätte gedacht, Garp könne Walts Erkältung vertreiben, indem er sie sich selbst holte." Mit diesen Sätzen beginnt ein Kapitel aus Garp und wie er die Welt sah. Am Ende dieses Kapitels ist der kleine Walt tot, nicht zuletzt durch die Schuld seines Vaters, der ihn doch immer nur vor allem Unbill bewahren wollte. Irving lässt den Leser ein weiteres Kapitel im Unklaren über Walts Tod. Garp versinkt nach dem Autounfall in völlige Sprachlosigkeit - an seinem Kiefer, aber auch an seiner Seele ist etwas kaputt gegangen, das mit Irvings zentralem Anliegen um Liebe und die Angst des Verlustes zu tun hat. Garp und seine Frau Beth befinden sich im Strandhaus, in dem Garps Mutter Jenny, die Krankenschwester und Feministin, ein Sanatorium gegen die Einsamkeit eingerichtet hat. Erst als die Eheleute nach langen Wochen des Schmerzes wieder zueinander und damit zum Leben zurückfinden, liest man den Satz: "Viele Ringerkinder haben robuste Nacken, aber nicht alle Kinder von Ringern haben Nacken, die robust genug sind." Erst jetzt gesteht Garp sich selbst und damit Irving dem Leser Walts Tod ein.


Unvermutet und deshalb mit noch mehr zerstörerischer Kraft bricht in Irvings Idyllen das Böse. Die Träume des Schelmenromans, des grotesken Märchenlandes mit seinen radfahrenden Bären, den Zirkuszwergen, den dicken Apfelpflückerinnen, den freundlichen Huren von Wien und Roberta, dem gutmütigen Transvestiten, der einmal ein Baseballstar war, zerbrechen an der tragischen Realität von Vergewaltigung und Abtreibung, von Messerstechern und Bombenlegern, von fehlgelenkten Bällen und fanatischen Faministinnen, von abstürzenden Flugzeugen und Blindheit, von Mord und offenen Fenstern. "Gerade wenn du glaubst, aus dem Wald raus zu sein, ist der Wald einiges größer, als du angenommen hattest; gerade wenn du glaubst, aus dem Wald raus zu sein, stellt sich heraus, dass du immer noch drin bist."


Die Gefahr, das erkennen Garp und Homer Wells, Dr. Larch, John und Owen Meany und die anderen zentralen Figuren aus Irvings Romanwelten, liegt darin, sich allzu sehr für eine Sache zu engagieren. Trotzdem zögern sie letztlich nicht für das einzutreten, woran sie glauben. Garp trifft Ellen James, die als Mädchen vergewaltigt wurde und der man die Zunge herausgeschnitten hat, und schreibt in der Folge einen Artikel gegen all die fanatischen Frauen, die sich aus falsch verstandener Solidarität selbst die Zunge aus dem Mund schneiden. Dadurch zieht er jenes Ausmaß an Hass auf sich, das schließlich zu seiner Ermordnung führen wird. Homer Wells weiß: Um all den Schwangeren wirklich zu helfen, muss er gegen sein eigenes Gewissen handeln. Und ist es nicht wert, von der gesamten österreichischen Polizei verfolgt zu werden, dafür, dass man aus dem Tiergarten Schönbrunn die Bären aus ihren Gehegen befreit hat?


Irving ist kein dezitiert politischer Autor, auch wenn er nach seinen Äußerungen gegen Ronald Reagan und seiner Stellungnahme gegen den Vietnamkrieg in Owen Meany vielfach als solcher bezeichnet wurde. Es sind soziale Anliegen, die ihn zu seinen Romanen drängen, und er fasst sie in ganz konkrete Bilder. "Es ist die Aufgabe eines Autors, in subversiver Absicht über sein Land zu schreiben, ihm einen Zerrspiegel vorzuhalten", reagiert Irving auf ein allgegenwärtiges Klima der Gewalt in unserer Zeit; und er konzidiert: "Lachen und Weinen liegen da eng beisammen."


Irvings auch private Vorliebe für den Ringsport wird in den Texten nicht selten als disparates Thema der Sozialkritik gegenüber gestellt. Der Trainingsraum wird in Garp fast wie ein menschliches Wesen beschrieben: "Sie holte Luft und ging hinein. Sofort meinte sie, das Gleichgewicht zu verlieren. Unter den Füßen hatte sie ein weiches, fleischliches Gefühl, und die Wand gab bei ihrer Berührung nach, als sie sich dagegenlehnte." Wie in den großen Häusern finden manche von Irvings Helden auch in solchen, rundum mit Matten ausgelegten Ringerräumen eine Art von Heimat; hier fühlen sie sich wohl, geborgen. Auch der Sport des Ringens als solcher erfüllt ihr Sehnen nach Körperlichkeit, nach menschlicher Nähe. Im Trainingsraum bestimmt sich Garps weiterer Lebensweg, als Jenny sich auf die Suche nach einem geeigneten Sport für ihren Sohn macht: Hier trifft er seine spätere Frau Beth, hier verbringt er seine glücklichsten Stunden, hier soll er aber auch den Tod finden, niedergestreckt durch die Schüsse einer Ellen-Jamesianerin.


Mit seinem märchenhaften Realismus, seiner ganz eigenen Symbiose von tragischen und komischen Elementen erfand einst ein großer kleiner Mann namens Charlie Chaplin die Grundlagen des modernen Films. Mit seiner heiteren Melancholie, seiner Akzeptanz der allesfressenden Zeit, aus der der Mensch verpflichtet ist, das Beste zu machen, gibt John Irving der Literatur unserer Tage eben diese ironische Weltverzauberung.

 

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Ich stehe in der Tür zum Zimmer meiner Kinder und schaue ihnen beim Schlafen und beim Träumen zu. Dabei denke ich an die Geschichte eines kleinen Jungen, der das Datum seines eigenen Todes vor Augen hat und danach lebt. Der heranwächst in der Gewissheit auserwählt zu sein und der schließlich eine Gruppe von Kindern und Nonnen im Waschraum eines Flugplatzes rettet, indem er sein eigenes Leben für sie opfert. Die Gesichter meiner Kinder sind so sanft im Schlaf, gleichzeitig so stark und so zerbrechlich. Ich sehe ein Lächeln auf ihren Lippen und denke, dass es meine größte Hoffnung ist, dass alles in ihrem Leben gerecht enden wird. Und bevor ich die Tür zuziehe und selbst zu Bett gehe, flüstere ich ihnen zu: "Bleibt weg von offenen Fenstern!"