Schatten der Vergangenheit

 

Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle oder Die Metaphysik der Zeit

 

"Ich war. Ich bin nicht."

(William Faulkner, Schall und Wahn)

 

Seine vielleicht berührendste short story "Indianerlager" erzählt Ernest Hemingway aus dem Blickwinkel eines Kindes. Nick begleitet seinen Vater, einen Arzt, bei einer nächtlichen Konsultation in die Wildnis. Eine Indianerin gebärt unter großen Schmerzen ein Kind, währenddessen sich ihr Mann mit einem Messer die Kehle durchschneidet. Zu Beginn der Geschichte ist Nick ein kleiner Junge, dann wird er mit den elementarsten Erkenntnissen des Menschen konfrontiert: dem Entstehen neuen Lebens und dem Tod. Sein Vater erscheint ihm inmitten all diesen Aufruhrs wie ein Held geradezu archaischen Charakters: unbeugsam und stark und ohne Zaudern. Am Schluss bringt der Vater seinen Sohn zurück in die Welt der Weißen und in den heranbrechenden Tag: "Am frühen Morgen auf dem See, als er im Heck des Bootes seinem rudernden Vater gegenübersaß, war er überzeugt dabvon, dass er niemals sterben würde."


Der Schriftsteller T. C. Boyle hat eine in der Grundstimmung anfangs sehr ähnliche Geschichte verfasst, die dann aber in die genau entgegengesetzte Richtung umschlägt. Auch "Wenn der Fluss voll Whisky wär" handelt von der Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn, Tiller. Doch während Hemingway Nicks kindliches Urvertrauen in die Autorität des Vaters als amerikanischen Mythos zelebriert, wird Tiller diese beruhigende Möglichkeit genommen. In seiner Trunksucht macht sich der Vater zum Narren; er hält einen fetten Karpfen für einen Hecht und freut sich auch noch über seinen Fang, und in seiner persönlichen Tragödie driftet er von Tiller ab wie ein Stück stinkender Fisch, den ans Ufer zu ziehen sich nicht lohnen würde: "Tiller sah seinen Vater an und hätte am liebsten geweint."


Ähnlich bricht in dem im 17. Jahrhundert spielenden Handlungsstrang des Romans World's End für Wouter, den Pächtersohn, eine Welt zusammen, als er mitansehen muss, wie sein einst gegen die Zwänge des Systems rebellierender Vater vor dem Patron auf die Knie geht: "Eben noch hatte ihn erlösende Freude durchströmt, jetzt aber wandelte sich die Freude in Ungläubigkeit und Verwirrung, in tiefe, bleibende Scham. Alles, was sein Vater ihn gelehrt hatte, jedes Wort davon, war gelogen gewesen. Dieser Mann sah aus wie sein Vater, aber er war es nicht."


Boyle schlägt in seinen wunderbar traurigen Geschichten zarte Töne an, wie sie aus seiner Biografie verständlich und für sein Werk - zusammen mit absurd grotesken Szenen - auch typisch sind. Sein eigener Vater soff sich zu Tode, bevor Boyle alt genug war, die Gründe dafür zu verstehen. In vielen seiner Arbeiten interessiert den Autor das Verhältnis seiner Protagonisten zu ihrem leiblichen Vater, jedoch auch zum Vaterland und dessen Geschichte. Wobei sie es nicht einfach haben, ihnen kein allmähliches Finden einer Vetrauensbasis gegönnt wird. So unvermutet wie ein Straßenschild mit dem Hinweis auf eine historische Begebenheit Walter Van Brunt in World's End an seinem Geburtstag den Fuß vom Bein trennt, so plötzlich bricht die ganze Last der Geschichte seiner Familie und des Landes über ihn herein. Nach dem Unfall ist Walter nicht mehr derselbe: Vorkommnisse aus dem 17. Jahrhundert, als die Kolonien am Hudson-River gegründet wurden, finden Entsprechungen in der Gegenwart und die Vergangenheit seiner Eltern sucht ihn heim, ist ihm mit einemmal für die Bestimmung der eigenen Position in dieser Welt so wichtig, dass er auch seinen zweiten Fuß verliert und es schließlich sogar zu einer Tat kommt, die Walter das Leben kostet. Denn die Zeit heilt in Boyles Büchern keine Wunden; sie reißt sie auf. Das Vermächtnis der Jahrhunderte erscheint als etwas Katastrophenhaftes, das das Leben der Nachgeborenen stört und mitunter zerstört und keinen Stein auf dem anderen lässt. "An dem Tag, als Walter Van Brunt seinen rechten Fuß verlor, hatten ihn sporadisch Spukgestalten der Vergangenheit heimgesucht", lautet nicht von ungefähr der erste Satz des Romans.


Boyle schreibt mit beißendem Sarkasmus und einer Sprache voll direkter und meist sehr orginineller Vergleiche: "Der Prozesstag dämmerte wie eine Infektion herauf, der Himmel war tief und eiterfarben, die Sonne ein verschorftes Auge." Er ist in der Lage, durch schnelle Pointierung in der Tradition eines Pop-Cartoons und ständig wechselnden Erzählperspektiven mit wenigen Strichen Figuren, Landschaften und ganze Situationen zu charakterisieren und hält doch auch den episch-ruhenden Atem eines Dickens oder Marquez durch. Und die Metaphysik seiner Werke ist eine Metaphysik der Zeit, wie sie seit William Faulkner niemand mehr so konsequent betrieben hat. "After such knowledge, what forgiveness?" (T. S. Eliot)


"Wir streben unaufhörlich immer der Vergangenheit zu", sagt der Große Gatsby in Fitzgeralds Roman. Boyle selbst hat in Wassermusik die Entdeckungsreisen des Afrikaforschers Mungo Park um 1800 aus dem Verständnis eines heutigen Menschen nacherzählt und zum Schelmenroman zwischen Gelächter und Verzweiflung gemacht. Und er hat Italo Calvinos Satz "Du weißt, dass man bestenfalls hoffen kann, das Schlimmste zu vermeiden" seinen unter dem Titel Wenn der Fluss voll Whisky wär zusammengefassten Erzählungen vorangestellt. Wie die Figuren in Marquez´ Macondo, die alle die gleichen Namen tragen und die Flucht aus ihrer hundertjährigen Einsamkeit nicht schaffen, werden Boyles Charaktere heimgesucht von ihren Wurzeln, die die Zeit in ihren unerbittlichen Klauen hält. Nach dem Tod ihres Mannes scheint etwa einer alten Frau ihr Haus durch die 50 Jahre Ehe sosehr verpestet mit Erinnerungen an Betrunkenheit, an Wutanfälle und Beschimpfungen und die "säuerlich riechende Haut, die sich gegen ihre presste", dass sie es unter Wasser setzt ("Das sinkende Haus"). Die Umrisse der Vergangenheit sind Figuren wie dieser oft klarer als die unbeständig-flüchtige Gegenwart, mit der sie nicht zurande kommen. Sie definieren sich geradezu aus ihrer Vergangenheit, gewinnen aus ihr ihre Identität, begeben sich - wenngleich oft widerwillig, fast zwanghaft - wie Proust auf die Suche nach der verlorenen Zeit, die ihnen so vieles über sie selbst sagen könnte. Wenn Walter Van Brunt gegen die "Attacken der Vergangenheit" kämpft, sind das jene Echowirkungen der Geschichte, die James Joyce "Epiphanien" nannte: "Walter spürte den Zugriff der Geschichte wie eine Schlinge um den Hals."


In Faulkners Schall und Wahn zerschlägt Quentin seine Uhr, um den scharfen Splittern des Vergangenen zu entgegen, die noch immer imstande sind, das Jetzt zu zerschneiden. Aber: "Die Uhr tickte weiter." Ebenso unabänderlich ist der Einfluss der Zeit auf Walter Van Brunt. Im Versuch, die Sünden der Väter zuerst wirklich zu verstehen, um dann gegen sie ankämpfen zu können, begeht er sie doch nur ein weiteres Mal. Er verlässt seine Frau wie sein Vater die Mutter Jahrzehnte zuvor und er macht sich des Verrats an Freunden schuldig. Walter entspricht dem Sozialtypus des fremdgesteuerten Menschen, der den Kampf um die Kontrolle seiner Persönlichkeit schon längst verloren hat: "Hat keinen Sinn, dagegen anzukämpfen. Es liegt im Blut, Walter. Steckt in den Knochen."


Am Schluss von World's End erfüllt sich, was Jahrhunderte zuvor seinen Anfang nahm. Als Wouter sich aus Angst vor dem Patron freiwillig an den Pranger stellt, obwohl er leicht fliehen könnte, entsteht in der vorbehaltlosen Hingabe in das Schicksal eine Szene von großer innerer Ruhe: "Der Tag (...) atmete die Stille der Jahrhunderte." 300 Jahre später hat Walter den Fluch seiner Familie erfüllt. Nachdem er seine Freunde verraten hat, verliert er seine Fußprothesen und im Schneegestöber auf einem einsamen Parkplatz völlig die Orientierung. Dies wird ein Augenblick, in dem Boyle das gemeinsame Denken und Fühlen von Generationen von Menschen sammelt. Alles steht still in einer beinahe vollkommenen Balance: "Welten. Generationen." Und dann gibt Walter dem Druck der Zeit nach, der Last der Vergangenheit, die zuviel für ihn ist. Er bleibt liegen und erfriert. Und der frische Schnee deckt ihn zu und schenkt ihm Vergessen.

 

(c) Peter Schnaubelt (1991)